Birka Stövesandt hat als Museumsleiterin ein Problem, das viele ihrer Kollegen sehr gut kennen. Wie lockt man Besucher aus weiter entfernten Regionen und Großstädten in die Stadt-, Regional- oder Heimatmuseen, trotz sehr begrenzter finanzieller Mittel? Sie, die das Stadtmuseum "Alte Burg" in Wittenberge leitet, will ein- oder zweimal im Jahr "einen Knaller" bieten, eine Ausstellung, die über die Region hinaus strahlt und neben den Stammgästen auch Touristen bis aus Berlin und Hamburg anlockt. Die Idee für den Auftakt dieses Jahres war die Ausstellung "Busy girl - Barbie macht Karriere". Schon vor einigen Jahren hatte sie dieses Thema interessiert. "Barbie ist im Westen Kult, hatte im Osten immer etwas Mystisches, weil sie es hier nicht gab. Und Barbie war auch immer schon ein Reizthema", erzählt sie. Bei ihren Recherchen traf sie schließlich auf eine Wanderausstellung, die von der Düsseldorfer Sammlerin Bettina Dorfmann - sie besitzt mit über 7000 Barbiepuppen die weltweit größte Sammlung, die ihr bereits mehrere Einträge ins Guinnessbuch der Rekorde einbrachte - und der Kunsthistorikerin Karin Schrey aus Ratingen. Genau diese Wanderausstellung, die schon in über ein Dutzend bundesdeutschen Städten zu sehen war, so unter anderem in Herne, Gütersloh, in Köln oder Wittenberges Partnerstadt Elmshorn, wollte Birka Stövesandt in die Prignitz holen.
Doch diese Ausstellung hätte den Jahresetat des Museums überstiegen. Es mussten Fördergelder her. Auf einen entsprechenden Antrag reagierte die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung zunächst allerdings skeptisch. Eine West-Puppe, mit der die Frauengeschichte der letzten 50 Jahre dokumentiert werden soll? Genau in dieser Frage liegt auch eine Schwäche der Ausstellung. Den Anspruch, das Bild der Frau in den vergangenen Jahrzehnten widerzuspiegeln, kann diese Ausstellung gar nicht gerecht werden. Doch wie der US-Puppenhersteller Mattel das Frauen- und Familienbild in Amerika und Westeuropa interpretierte und widerspiegelte, das ist in der Tat anschauenswert.
Eine Förderung gab es schließlich trotzdem, denn gemeinsam mit dem Kyritzer Verein "EvaMigrA" wurde die Ausstellung auch als eine Möglichkeit gesehen, Emigrantenfamilien über eine spielerische Form das westliche (deutsche) Frauenbild zu vermitteln, also das Bild von der berufstätigen und emanzipierten Frau. Nachdem der Antrag bewilligt war und die Ausstellung Anfang des Jahres eröffnet wurde, gibt es im Museum nun mehrere Projekte mit Emigranten -mit Frauen-, Familien- und Kindergruppen.
Die Barbiepuppe hatte ihren Ursprung ausgerechnet in der BILD-Zeitung. Der Karikaturist Reinhard Beuthin sollte mit einem Cartoon eine Lücke füllen, die durch eine weggefallene Nachricht entstanden war. Unter mehreren Entwürfen entschied er sich für eine Zeichnung mit einer jungen, blonden, selbstbewussten Frau mit Pferdeschwanz, die er Lilli nannte. Sie entsprach so gar nicht dem Frauentyp der Nachkriegszeit. Comic-Episoden mit Lilli, versehen mit frechen Sprüchen, wurden aber so erfolgreich, dass sie drei Jahre später sogar als Puppe auf den Markt kam. Diese wiederum entdeckte Ruth Handler, Mitbegründerin des 1945 entstandenen amerikanischen Spielzeug-Unternehmens Mattel auf einer Europareise. Sie war auf der Suche nach einer erwachsenen Puppe, denn ihre Tochter Barbara spielte am liebsten mit erwachsenen Ausschneidepuppen aus Papier. Jetzt hatte sie ihre Vorlage gefunden, und am 9. März 1959 wurde die erste Barbie-Puppe, die größer war als ihr Vorbild, auf der American Toy Fair in New York präsentiert, benannt nach Handlers Tochter Babara. 1964 erwarb die Firma Mattel schließlich die Vermarktungsrechte für "die Lilli"-Puppe und konnte ihre Barbie auch auf dem deutschen Markt verkaufen.
Damals stand im Westen Deutschlands die Hausfrau hoch im Kurs, was sich auch im Outfit der Barbies zeigte - mit Strickkorb, in der Küche oder bei anderen Arbeiten im Haushalt. Aber auch im Freizeitlook und schicker Abendgarderobe trat sie auf. Allmählich kommt sie jedoch nun häufiger als lernende oder berufstätige Frau daher, mit Kollegmappe unter dem Arm, als Reporterin mit Fotoapparat, als Sekretärin, Modegestalterin, Lehrerin und Stewardess. Auch entsprechende Accessoires und Einrichtungsgegenstände für das Arbeits-, Wohn- und Freizeitumfeld gibt es zu kaufen. Die Kinder sollten in Rollenspielen Anregungen für die spätere Lebenswelt erhalten, so der pädagogische Ansatz. "Anfangs war Barbie noch das blonde Dummchen, heute ist sie in Führungspositionen, als Fußballerin, Wissenschaftlerin, Armeeangehörige oder als Staatsoberhaupt gekleidet."
In der Ausstellung, die sich über einen Zeitraum von 50 Jahren erstreckt, gibt es auch Querverweise zur Stellung der Frau in der DDR. Darauf nahm Karin Schrey in ihrer Eröffnungsansprache in Wittenberge Bezug, als sie auf die Ausrichtung der Ausstellung verwies: "Keine reine Puppenausstellung, nicht beschränkt auf Mode und Kleider, sondern den Wandel des Zeitgeist sollte sie darstellen, die Veränderungen, die die Jahrzehnte seit Barbies Erscheinen auf dem Spielzeugmarkt speziell für uns Frauen gebracht haben. Und hier muss ich einfügen: im Westen, denn in der DDR waren die Frauen in mancher Hinsicht damals weiter als im Westen. Berufstätigkeit war hier selbstverständlich."
(Stadtmuseum Wittenberge, Putlitzstr. 2, 19322 Wittenberge; Tel: 03877/405266; geöffnet:
Di-So 11-17 Uhr)