Der Keller von Andreas Richter sieht anders aus als gewöhnliche Keller: keine gestapelten Kartons, keine abgestellten Balkonmöbel, keine Werkzeugkisten oder Werkbänke. Andreas Richter hat sich eine kleine Sitzecke eingeräumt, eine Musikbox aufgestellt und unzählige Schallplatten in mehreren Regale einsortiert. "Jetzt trinken wir erst mal einen Kaffee", sagt er genügsam und wirft eine alte Münze in seine Musikbox. "Rock, Schlager, Blues?", fragt er und präsentiert achtzig Titel auf dem Pult seiner Box. "Die stand mal in einer Berliner Kneipe und stammt aus Amerika", ist er stolz. Wir einigen uns schließlich auf einen Song von The Sweet: "Pappa Joe". Andreas Richter drückt auf die entsprechende Titel-Taste und unter dem Pultdeckel beginnt es zu arbeiten ...
In seinem eingerichteten Musikkeller befindet sich eine der größten Schallplattensammlungen Brandenburgs. Allein 9000 Singles hat er bislang zusammengetragen und sie akribisch mittels seines Computers archiviert. Hinzu kommen rund 6000 Langspielplatten, die jedoch noch auf die Systematisierung warten. "Ich bin erst mal froh, dass ich bei den Singles nun den Überblick habe", freut sich der 51-Jährige. Die LP's sind als Nächstes dran.
Vor allem die Rockmusik der sechziger und siebziger Jahre hat es dem Sammler angetan. "Rockplatten bin ich schon in meiner Jugendzeit hinterhergerannt. Jeden Mittwoch fuhr ich von Thum im Erzgebirge, wo ich aufgewachsen bin, nach Annaberg-Buchholz, habe nach Lizenzplatten angestanden und auch etliche erstanden", schaut er zurück. "Die gefragten Platten gab es natürlich nur unter dem Ladentisch - für gute Kunden, versteht sich." Um an die begehrtesten Scheiben heranzukommen, musste er damals tief in die Tasche greifen. "Für Bob Dylans "Life in New York' musste ich 200 Ostmark berappen", scheint es ihm noch heute weh zu tun. Geschenkt bekam er dagegen seine erste Lizenz-LP zur Jugendweihe: kein Rock, sondern Karl Valentin.
Zur Wendezeit besaß Andreas Richter, der bereits 1983 nach Luckenwalde gezogen war, etwa dreihundert Schallplatten. Doch dann legte er richtig los. Alle Verwandten und Bekannten wussten um seine Leidenschaft und sammelten mit. Zudem kam die Schallplatte im Laufe der neunziger Jahre immer mehr aus der Mode, und viele entsorgten ihre schwarzen Scheiben. Auch hier schlug Andreas Richter zu. Natürlich klapperte er regelmäßig alle Flohmärkte und Antiquariate ab, meist auf der Suche nach Rockigem. Später nutzte er auch das Internet, um an billig abzugebende Schallplatten zu kommen.
Besonders liebt er die Beatles. Über dreißig Singles stehen in seinen Regalen und zwanzig LP komplettieren das spezielles Archiv der "Pilzköpfe". "1965 hat Amiga drei Beatles-Singles herausgegeben, eine mit rotem, eine mit grünem und eine mit blauem Label. Ich suche noch die mit dem blauen", erzählt er.
Aber der gelernte Tischler und Schlosser sammelt nicht um jeden Preis. "Es geht mir nicht um die Menge oder um Werte, ich sammle wegen der Musik", sagt er. "Und wegen verschiedener Raritäten oder Kuriositäten." So finden sich in seiner Sammlung Poster-Schallplatten, deren Cover zu einem Poster aufgefaltet werden können. Eine andere Scheibe kam zum Parteitag der SED heraus, unter anderem mit Reden von Ulbricht, Pieck, Ernst Busch sowie der Nationalhymne. Dann greift er nach einer Platte mit eingelegtem "Plattenspieler", der jedoch lediglich aus einer Nadel besteht, die in einem Stück Pappe eingefasst ist. Gedreht wird die Platte per Hand. Als er zu DDR-Zeiten einen Fernseher kaufte, bekam er eine Schallplatte aus Pappe und aufgeklebter Folie mit. "Eine schreckliche Musik, eine furchtbare Qualität, aber ein seltenes Exemplar.
Dann holt er "klingende Ansichtskarten" hervor, Musterplatten, die sich Mitarbeiter bei der Herstellung von Schallplatten selbst bespielen durften, Ersttagsbriefmarken als Schallplatte, eine Scheibe mit Musik vom Oktoberklub, die in einer Ausgabe der "Frösi" steckte, und eine Schallbildpostkarte von München aus den sechziger Jahren. Auch so genannte Gimmicks, sprich "anormale" Platten, gehören zur Sammlung, darunter die "Pictures", die nicht schwarz sind, sondern mit Bildern bedruckt, oder "Shapes", die neben dem Bild auch unterschiedlichste Formen besitzen. Froh ist er über seine russische Beatles-Platte mit einem Original-Autogramm von Toni Sharrington von der einstigen Begleitband der Beatles. "Ich habe die Unterschrift prüfen lassen. Sie ist echt."
Eines Tages traute Andreas seinen Augen nicht: Bei ebay wurde eine Schallplatte von Jimmy Hendrix für einen Euro angeboten. "In der Beschreibung stand nichts Auffälliges, aber ich sah auf dem Foto, dass die Scheibe ein weißes Label hatte, also wahrscheinlich eine Musterplatte war. Als ich sie schließlich in den Händen hielt, bewahrheitete es sich. Sie ist eine Rarität", schwärmt der Plattensammler.
Aber langsam wird es eng im Keller von Andreas Richter. Deshalb will er sich noch mehr auf bestimmte Musikbereiche konzentrieren. "Klassik und Volksmusik sammle ich nicht mehr. Das höre ich mir sowieso nicht an", sagt er und drückt an der Musikbox auf einen Led-Zeppelin-Song. (Kontakt: 03371/610172)