Dietmar Bender 18.01.2012 06:56 Uhr

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Düsenjets und Blumenbasar

(MOZ) Christian Göritz ist in dem Ort Altes Lager aufgewachsen, auch mit Kasernenmauern, dem Krach der startenden sowjetischen Düsenjets und den Magazinen. Schon seit langer Zeit wollte er eine Ausstellung über diesen geschichtsträchtigen Ort zwischen Niedergörsdorf und Jüterbog gestalten und dabei auch den Alltag der Einwohner zeigen. Vor dreieinhalb Jahren wurde die Dauerausstellung "Altes Lager - von 1870 bis heute" im sanierten einstigen "Haus der Offiziere" der sowjetischen Streitkräfte eröffnet.

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  Heimat Altes Lager: Bürgermeister Christian Göritz hat die Dauerausstellung mit ins Leben gerufen. © Sören Stach

Für Durchreisende war Altes Lager zu DDR-Zeiten nicht nur als Ortsname ungewöhnlich. Auch die Tatsache, dass die Ortsdurchfahrt rechts und links zum Teil von Kasernenmauern umgeben war und es so genannte Magazin-Geschäfte für die sowjetischen Offiziere gab, in denen auch die Einwohner gern einkauften. Auch die vielen Schießübungen und Starts von Düsenjets machten den Ort südlich von Jüterbog zu einem besonderen in der damaligen Zeit. Doch für Christian Göritz war sein Heimatort trotz der alltäglichen Präsenz der sowjetischen Streitkräfte ein ganz normaler. Er ist hier aufgewachsen, war von 1990 bis 1994 hauptamtlicher Bürgermeister und ist seit 1998 ehrenamtlich in dieser Funktion. Er war Initiator einer Dauerausstellung über den geschichtsträchtigen Ort.

Schon als Kind fand er mit seinen Spielkameraden Schlupflöcher in den Zäunen, die den Flugplatz umgaben. "Diese Schlupflöcher hatten sich die sowjetischen Offiziere geschaffen. Vorn meldeten sie sich zum Dienst an, hinten schlüpften sie wieder raus und gingen in die Gaststätte", erinnert sich der gelernte Wasserwerkschlosser. Dieselben Löcher in den Zäunen nutzen auch die Kinder. "Wir kamen bis zu den Flugzeugen ran und standen öfter plötzlich vor einer MIG. Ärger gab es keinen, denn die Offiziere und Soldaten, die uns sahen, waren kulant und schickten uns irgendwann zurück. Für uns war es ein großes Abenteuer."

Das Neben- und Miteinander mit den russischen Armeeangehörigen gehörte zum Alltag. Auch wenn keine persönlichen Kontakte geknüpft werden sollten, gab es viele Begegnungen - zum einen offizielle im Rahmen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Es wurden Patenschaftsvereinbarungen zwischen Einrichtungen des Ortes und sowjetischen Einheiten getroffen. Bei den Treffen wurde gefeiert und getrunken. Zum Schulanfang für die sowjetischen Kinder gab es jedes Jahr vor den Magazinen Blumenbasare. Die Blumen spendierten die Gärtnereien der Umgebung, und der Erlös kam auf das Solidaritätskonto. "Es kamen oft bis zu 800 Mark zusammen", sagt der heute 59-Jährige.

Privater wurden die Kontakte beim Fußball. Christian Göritz - aktiver Fußballer seit früher Jugend und insgesamt 16 Mal mit der Mannschaft von Altes Lager Kreismeister - stand ständig mit einigen Offizieren auf dem Platz. "Von ihnen waren eigentlich immer zwei, drei Mann in unserer Mannschaft. Und nach den Spielen kehrten wir für ein Bierchen ins "Volksheim' ein. Hier waren die Russen sehr spendabel", blickt er zurück.

Seine Fußballschuhe und viele Fotos von den Mannschaften aus all den Jahrzehnten der DDR-Zeit stehen nun in der Ausstellung "Altes Lager - 1870 bis heute", die er und einige Mitstreiter der Arbeitsgemeinschaft Zeitgeschichte vor gut drei Jahren eröffneten. Auch sein Vater, der sogar Kapitän der BSG Empor Altes Lager war, einige Onkels und sein Großvater als Trainer sind auf den Fotos zu sehen. Fußball stand in Altes Lager stets sehr hoch im Kurs und war ein verbindendes Element zu den sowjetischen Armeeangehörigen.

Das Militär hatte den Ort Altes Lager schon seit seiner Entstehung geprägt. So begann der preußische Militärfiskus hier 1860 mit ersten Landkäufen und errichtete in den Jahren darauf Schieß- und Truppenübungsplätze. Den Namen erhielt der Ort aufgrund der Geschehnisse von 1870, als 9000 französische Gefangene des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 westlich des Dorfes Zinna ein Barackenlager bauten, um Unterkünfte zu schaffen. Später kamen ein Munitionsdepot, Offiziersunterkünfte, Gaststätten sowie ab 1915 zwei Hallen zum Bau von Luftschiffen und eine chemische Fabrik zur Herstellung von Wasserstoffgas hinzu, um die Luftschiffe zu füllen. In der Zeit des Nationalismus entstanden hier unter anderem ein Fliegerhorst und eine Ausbildungsstätte für Fliegeringenieure, bevor die Rote Armee das Gelände 1945 besetzte und ihrerseits den militärisch genutzten Flugplatz und die Gebäude ausbaute. Nach 76 Jahren Militärverwaltung wird Altes Lager 1946 eine politisch selbstständige Gemeinde - natürlich nur außerhalb des militärischen Geländes.

Nach der Wende wurden alle Einrichtungen geräumt. Auch der einstige Testpilot Revil Chadejew musste Altes Lager verlassen, sollte aber zur Eröffnung der Ausstellung wieder zurückkehren. "Wir haben ihn über drei Ecken ausfindig gemacht, ihn eingeladen, und plötzlich stand er wieder vor uns. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten groß", erzählt Christian Göritz. Und sie erfuhren, dass Chadejew nach dem Abzug in ein Loch gefallen war, keine Arbeit fand und eine depressive Phase durchmachte. So ging es vielen rückkehrenden Offizieren. "Doch er hatte Glück und fand wieder einen Job in der Pilotenausbildung." Mitte der 90er Jahre wurde über ihn und andere Rückkehrer von Regine Kühn und Eduard Schreiber der Dokumentarfilm "Lange nach der Schlacht" gedreht. Auch dieser Film wurde zur Eröffnung gezeigt.

Die Ausstellung war schon seit vielen Jahren ein großer Wunsch von Christian Göritz. Er hatte historische Ansichtskarten und weiteres Material gesammelt. Wenn er heute durch den liebevoll eingerichteten Raum geht, spaziert er auch durch sein eigenes Leben.

("DAS HAUS" mit der Ausstellung: Kastanienallee 21, 14913 Niedergörsdorf/OT Altes Lager; geöffnet Nov-März Di-Fr 10-14 Uhr, ab April auch Sa/So 10-15 Uhr; Kontakt: 0170/3132057)

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