Michael Eickmeier kennt die kleinen Milchkannen noch aus seiner Kindheit, nicht jene aus leichtem Blech oder Aluminium, sondern gefertigt aus den Behältern, in denen einst die Gasmasken verstaut wurden. Sie waren wesentlich schwerer als die in den 50er und 60er Jahren produzierten Kannen. Damals machte er sich natürlich keine Gedanken darüber, wie die Milchkannen entstanden waren und dass diese aus der umfunktionierten Kriegsproduktion stammte. Heute ist er einer der wenigen Sammler in Deutschland, die sich speziell diesem Thema widmen - eine mehr als ausgefallene Sammelleidenschaft, zumal sie nur einen kurzen Zeitraum umfasst: zwischen Kriegsende und der Entstehung der beiden deutschen Staaten. Nur in jenen Jahren wurden aus den Restbeständen der Kriegsproduktion aus der Not heraus zivile Produkte hergestellt.
Um seine Fundstücke zu zeigen, führt Michael Eickmeier seine Besucher in den Keller seines Hauses in Petershagen. Dort steht in etlichen Regalen das, was bei vielen in der Nachkriegszeit zum Haushalt und zum Alltag gehörte: Kannen, Tassen, Schalen, Vasen, Siebe, Kerzenleuchter, Krüge, Schüsseln, Schöpfkellen, diverse andere Gefäße und Behälter sowie Spielzeug. Gemeinsam haben diese Haushaltsgegenstände, dass sie aus dem geschaffen wurden, was der Krieg übrig ließ. Dabei geht es dem 62-Jährigen nicht um jene Stücke, die als Marke "Eigenbau" entstanden waren, sondern serienmäßig aus Kriegsmaterialien produziert wurden.
Einer der Klassiker sind die umfunktionierten Stahlhelme, aus denen emaillierte Durchschläge sowie Koch- und Nachttöpfe hergestellt wurden. "In Thale stand die einzige Stahlhelmpresse, somit konnten auch nur dort die Stahlhelme umgepresst werden", erzählt der Sammler. Entweder wurden die in Auslieferungslagern, Kasernen oder in Fabriken deponierten Helme umgearbeitet oder noch unfertige Helme auf den alten Stahlhelmpressen für ihren neuen Zweck entsprechend neu geformt, eben auch mit den typischen optischen Merkmalen der Helme. Zu erkennen waren solche Töpfe auch daran, dass sie wegen des verwendeten Stahls schwer waren und die aufgetragene Emailleschicht zudem Spannungsrisse bekam. Becher, Tassen und Kannen der Nachkriegszeit entstanden hingegen aus Gasmaskenbüchsen und Granatkartuschen. Auch die Panzerfaust erhielt eine neue Bestimmung. Aus ihren Teilen wurden Kerzenleuchter, Tassen, Vasen und Schöpfkellen hergestellt. "Es gab damals Schrotthändler, die Rüstungsschrott aufkauften und an kleine Metallbetriebe abgaben, die daraus zivile Haushaltswaren herstellten." Solche Metallbetriebe betrieben zudem eigenwillige Tauschgeschäfte und warben mit Anzeigen wie: "Tausche drei Stahlhelme gegen einen Kochtopf" oder: "Tausche drei Gasmaskenbehälter gegen eine Milchkanne".
Michael Eickmeier schlenderte schon immer gern über die Flohmärkte und war von allem Alten begeistert. Doch als der gelernte Kameramann, der seinerzeit in Dresden beim MDR arbeitete, Anfang der 90er Jahre öfter über den Elbe-Flohmarkt zog, sah er zunehmend Gegenstände aus der Konversionsproduktion, die aber kaum jemanden interessierten. Und er entwickelte allmählich einen Blick für solche umfunktionierte Kriegsmaterialien. "Als ich zum Beispiel eine kleine Kelle in die Hand nahm, merkte ich sofort, dass sie für ihren Zweck viel zu schwer ist. Aufgrund der Verarbeitung war schließlich klar, dass es sich um eine halbe Handgranate handelte. Solche Kellen sind sehr selten. In zehn Jahren entdeckte ich nur zwei davon", berichtet er von seinen Erkundungen. Doch es bedarf auch einiger Fantasie, um sich vorzustellen, was einst die alte Bestimmung war. So hatte es zehn Jahre gedauert, bis Michael Eickmeier dahinterkam, woraus das kleine metallene Roulette entstanden war. "Die Scheibe war einst ein Verbindungsring im Gefechtskopf einer Panzerfaust. Darauf muss man erst einmal kommen." Um sich ein genaues Bild zu machen, konnte er sich nur an Originalen orientieren, musste dazu also in Museen recherchieren, wie zum Beispiel im Armeemuseum in Dresden. Hier versuchte er an dem Kriegsgerät jene Teile zu entdecken, die später in den Haushaltswaren wieder auftauchten. Literatur darüber gab es ohnehin sehr wenig, und in Betriebschroniken der Hersteller fanden sich auch keine Hinweise. So musste er sich alles selber zusammenreimen. Nach der Wende häuften sich plötzlich Haushaltsgegenstände aus der Konversionsproduktion. "Bis dahin wurden sie sehr oft noch genutzt. Doch dann schwappte alles auf die Märkte." Und in die Hände von Michael Eickmeier.
Eines der jüngsten Fundstücke ist das kleine Glücksrad aus Metall. "Es tauchte plötzlich sechs, sieben Mal auf den Flohmärkten auf. Wahrscheinlich wurde irgendwo ein Ladenkeller mit alten Beständen ausgeräumt." Solch eine plötzliche Häufung erlebte er schon öfter. "Dann finde ich einen bestimmten Gegenstand gleich auf mehreren Märkten, während er vorher über viele Jahre hinweg gar nicht zu sehen war."
Heute gibt es kaum noch solche Konversionsprodukte aus der Nachkriegszeit. Doch wenn plötzlich auf dem Flohmarkt eine Kiste mit altem Haushaltsschrott auftaucht, fangen seine Augen an zu leuchten. Hier findet sich am ehesten noch ein Fundstück für seine industriegeschichtliche Sammlung.
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