Dirk Bunsen 21.12.2011 05:50 Uhr

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Weihnachten in Glas gewickelt

(MOZ) Dagmar Brückner erlernte das Perlenwickeln in den USA, Großbritannien, Italien und Japan. Heute beherrscht sie das Kunsthandwerk, wie kaum jemand sonst in Deutschland. In der Weihnachtszeit kommen besonders viele Kunden in ihr Werkstattatelier.

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  Volle Konzentration: Dagmar Brückner wickelt über einem Propanbrenner Glas, bis zu 20 Schichten werden aufgetragen. © Soeren Stache

Die Wochen vor Heiligabend sind für Dagmar Brückner sehr wichtig. Ein Viertel ihres Jahresumsatzes geht dann über den Ladentisch. In dieser Zeit sitzt sie viel öfter und länger an ihrem Werkstatttisch, um das zu tun, was nur noch wenige in Deutschland beherrschen: das Glasperlenwickeln. Vor allem Perlenarbeiten mit Gold sind in der Weihnachtszeit gefragt, ist ihre Erfahrung, weniger die Weihnachtsmotive. Schmuck ist schließlich ein Ganzjahresaccessoire. Dennoch kreiert sie auch winzige selbstgewickelte Weihnachtsbäume als Anhänger oder Adventskränze als Ring.

Eine Frage hält sich nach elf Jahren, die sie mit ihrer Ladenwerkstatt bereits in Berlin vor Ort ist, trotzdem noch immer hartnäckig: "Woher stammen denn diese schönen Stücke?" Nicht weniger überrascht nehmen sie dann ihre Antwort entgegen: "Die Glasperlen stelle ich selber her." Beim ersten Blick in den edel anmutenden Verkaufsraum kann sich kaum einer der Kunden vorstellen, dass im hinteren Teil des Ladens die gläsernen Schmuckstücke tatsächlich unter ihren Händen entstehen. In der noblen Charlottenburger Akazienstraße mit ihren vielen Boutiquen und Schmuckläden ist es nicht üblich, dass die Schaufensterstücke vom Verkäufer selbst gefertigt werden, erst recht nicht, wenn es sich um ein solch seltenes Kunsthandwerk wie das des Perlenwickelns handelt. Dagmar Brückner ist eine der wenigen in Deutschland, die diese alte Form der Glasperlenherstellung soweit professionalisiert hat, dass sie damit kommerziell in die Öffentlichkeit gehen und mit ihren eigenen Kreationen einen Laden betreiben kann.

Wenn die 47-Jährige an dem Propanbrenner das Glas zu formen beginnt, versprüht sie eine begeisternde Leichtigkeit. In der linken Hand hält sie einen Metallstab, den sogenannten Perlendorn, der später die Lochgröße der Glasperle bestimmt, in der rechten Hand einen der ein- oder mehrfarbigen Glasstäbe, den sie in der Flamme erhitzt. Das entstehende zähflüssige Glas lässt sie nun auf den Perlendorn fließen, den sie gleichmäßig dreht. Dabei wickelt sich das Glas um den Metallstab. Bis zu zwanzig Schichten trägt Dagmar Brückner auf diese Weise auf. Außerdem schmelzt sie Glasfäden oder dünne Edelmetallfolien ein und setzt Tropfen auf. Etwa vierzig Minuten dauert es, bis eine größere Glasperle als Ring oder Teil einer Kette fertig ist.

Um die Haltbarkeit der Perlen zu erhöhen, kommen sie nach dem Wickeln und Verzieren in einen Perlenofen, einen Temper, in dem die Stücke von einer Temperatur von fünfhundert Grad Celsius aus sehr langsam abgekühlt werden. "Hierdurch kann die Spannung, die sich beim Verarbeiten im Glas aufbaut, aus meinen Perlen entweichen, und die Bruchfestigkeit des Glases erhöht sich."

Bei den Mustern lässt sie sich von antiken Stoffen und Perlen, vor allem aber von den Modetrends der sechziger und siebziger Jahre mit ihren klar strukturierten Designs inspirieren. Als Ausgangsstoff verwendet sie fast ausschließlich venezianische Murano-Glasstäbe. Diese werden auf der Insel Murano bei Venedig seit vielen Jahrhunderten hergestellt und zeichnen sich durch besonders hohe Reinheit und Farbqualität aus.

Bereits 1250 v. Chr. gab es die ersten Glasmanufakturen im alten Ägypten. Die Blütezeit der mitteleuropäischen Glasperlenproduktion begann in Venedig im 13. und 14. Jahrhundert. Nicht nur aus Brandschutzgründen wurden alle Glasöfen auf die vorgelagerte Insel Murano verbannt. Mit diesem Schritt sollte zudem das streng gehütete Geheimnis der Glasherstellung bewahrt werden, weshalb die gut bezahlten Glasbläser und Perlenwickler auf der Insel wie Gefangene lebten. Ihnen war auf Androhung der Todesstrafe untersagt, ihr Wissen weiter zu geben. Erst im 19. Jahrhundert bekamen Glasperlen, bedingt durch industrielle Massenfertigung, das Image des Minderwertigen. Dem will Dagmar Brückner durch ihre anspruchsvolle Handwerkskunst entgegenwirken.

Bereits als junge Frau zog die gebürtige Hamburgerin über die Flohmärkte und sammelte Glasperlen. Außerdem war sie schon immer handwerklich-künstlerisch kreativ und probierte es nach dem Abitur ein Jahr lang mit einer Tischlerlehre. Dennoch wurde sie Ergotherapeutin und pendelte stets zwischen der intensiven Arbeit mit Menschen und der mit verschiedenen Materialien. Der endgültige Schritt zur Perlenwicklerin begann schließlich in New York, wo sie aus familiären Gründen hingezogen war und einige Jahre lang mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebte. "Gleich in der Nähe befand sich das "Urban Glass' in Brooklyn, eine Schule für Glasgestaltung, in der auch das Perlenwickeln gelehrt wurde. Das wollte ich unbedingt ausprobieren. Und schon nach dem ersten Kurs wusste ich genau: Das ist es!", blickt sie zurück. Es schloss sich eine Ausbildung bei international bekannten Glaskünstlern in den USA, Großbritannien, Japan und Murano an.

Als sie im Jahr 2000 mit ihrer Familie wieder nach Deutschland übersiedelte, zögerte sie nicht lange und richtete sich ein Werkstatt-Atelier mit Laden in Schöneberg ein. Vor vier Jahren zog sie in ihr neues Charlottenburger Domizil , in dem sie auch Kurse in sehr kleinen Gruppen anbietet.

Die Stammkundenschaft wird jedes Jahr etwas größer. Und manch einer dieser Kunden kommt erst am Vormittag des 24. Dezember, um ein Geschenk zu kaufen. "Das sind völlig entspannte Leute, die genau wissen, dass sie hier kurz vor Heiligabend etwas finden und die große Einkaufshektik bereits vorüber ist."

("dbeads", Akazienstr. 30, 10823 Berlin; geöffnet: Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-15 Uhr, meist aber länger; Tel: 030/21912369; im Internet: www.dbeads.com; Die einzelnen Glasperlen kosten zwischen 7,80 Euro (kleine Sammelperlen) bis 80 Euro. Die Kurse finden in Gruppen von drei Teilnehmern statt.)

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