Benno Dietrich 14.12.2011 06:30 Uhr

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Die therapierende Künstlerin

(MOZ) Wenn Heike Burghardt im heimischen Schöneiche mit Hammer und Meißel das Holz bearbeitet, aus dem eine Skulptur entsteht, wenn sie den menschlichen Triebkräften nachspürt und in eine dreidimensionale Form bringt, dann ist sie ganz für sich. Dann ist sie ganz Bildhauerin. Doch wenn sie in ihrer Praxis für Ergotherapie einem Patienten gegenübersitzt, um ihn wieder neu zu strukturieren und zu motivieren, dann verbindet sie Kunst und Therapie. Der Weg von einer Künstlerin zur Ergotherapeutin, das Nebeneinander von beiden Berufungen, ist eher selten anzutreffen.

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  Ihren Erfahrungsschatz als Bildhauerin und Malerin gibt Heike Burghardt an ihre Patienten weiter. © Sören Stache

Vielleicht waren es Erlebnisse, wie jene Mitte der 80er Jahre, die Heike Burghardt heute über ihre Bildhauerei hinaus zu einer therapierenden Künstlerin werden ließen. Damals, sie war gerade 20 und mitten in der Lehre als Porzellanmalerin in Meißen, besuchte sie eine Skulpturenausstellung für Blinde und Sehende. Zum ersten Mal erlebte sie, wie sich blinde Menschen einer Plastik näherten. "Es war spannend zu sehen, wie sie die Skulpturen durch Berührungen sinnlich in sich aufnahmen und auf das Erfühlte reagierten", blickt die heute 46-Jährige zurück. Schon in jener Zeit schien klar zu sein, dass sie später, nachdem sie an der Berliner Kunsthochschule in Weißensee Bildhauerei studierte, sich nicht einzig als Künstlerin verwirklichen wird, sondern sich auch den Fragen widmet, was Kunst und was künstlerische Arbeit mit den Menschen macht.

Das plastische Formen faszinierte sie bereits als Schülerin. "Gezeichnet hatte ich immer schon gern, aber zunehmend reizte es mich, etwas in drei Dimension darzustellen." Dennoch entschied sie sich für die Lehre als Porzellanmalerin, "einem halbwegs ordentlichen Beruf, wie es sich meine Eltern wünschten." Doch schon während der Lehre zog sie es immer wieder zum Modellieren, so sehr sie auch das Zeichnen liebte.

Die Verbindung von Kunst und Therapie erfuhr Heike Burghardt auch bei einer befreundeten Malerin. Hanni Makosch hatte 1997 in Berlin das "Offene Atelier" gegründet. Hier können Menschen, die in psychiatrischer Behandlung sind oder waren mit Kreide, Aquarell- und Ölfarben experimentieren, Holz bearbeiten, töpfern oder auch Collagen kleben. Die Ergebnisse wurden sogar als thematische Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert. "Hanni Makosch hat auch mit behinderten Menschen Figuren gestaltet. Diese Arbeit hat mich ebenso interessiert, und es war spannend zu beobachten, wie unterschiedlich Menschen mit einem Thema umgehen."

Doch alles brauchte seine Zeit. So musste sie sich nach ihrem Kunststudium Mitte der 90er Jahre neben der Bildhauerei zunächst einmal um den Broterwerb kümmern und tat dies als Illustratorin beim 1995 in Berlin gegründeten Tivola Verlag. Diese kreative Arbeit verschaffte ihr die Ruhe, sich auch weiterhin mit der Bildhauerei zu beschäftigen, bis die Schöneicherin sich 2003 entschloss, eine dreijährige Ausbildung zur staatlich geprüften Ergotherapeutin zu beginnen. Anschließend fing sie in Fürstenwalde bei einer Physiotherapeutin an, die gerade eine Ergotherapeutin suchte. Jetzt konnte sie ihre Erfahrungen als Bildhauerin und Malerin in dieser speziellen Therapieform nutzen. Seit Juni dieses Jahres bietet sie auch "Ergotherapie im Atelier" in einer Praxis im nahen Woltersdorf an.

Die Ergotherapie, die in Deutschland ein anerkanntes Heilmittel ist und vom Arzt verordnet wird, soll Menschen helfen, die in ihrer Handlungsfähigkeit, zum Beispiel durch Depressionen, eingeschränkt sind. Ziel ist es deshalb, die Fähigkeit zur selbstständigen Tagesstrukturierung zu verbessern oder wieder zu erlangen, Selbstvertrauen, Eigenverantwortung und Entscheidungsfähigkeit zu stärken oder Belastungen besser auszuhalten. "Dabei kann man verschiedene Wege gehen. Das Malen und Gestalten ist nur einer davon", ist ihr Credo. Hier steht nicht das künstlerische Ergebnis im Vordergrund, sondern der Mut und der Prozess, etwas selbst zu gestalten. "Wenn Patienten keine Worte finden, gebe ich ihnen ein weißes Blatt Papier und Farbe in die Hand. Für die Arbeit mit Holz oder Stein muss man allerdings schon mehr Kraft aufwenden und sieht sich größeren Widerständen gegenüber. Hier treffen die Patienten auf feste Strukturen, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Es gibt Patienten, die schon am Anfang Hammer und Meißel brauchen, um Grenzen zu überwinden und aktiv zu werden, doch meistens wird mit "leichten Arbeiten', mit Spielen oder Papierfalten begonnen", erzählt sie.

In ihrer bislang fünfjährigen Praxisarbeit haben etliche ihrer Patienten die Liebe zur Kunst über die Therapie hinaus gefunden. "Einige von ihnen blieben bei der Bildhauerei, die ihnen neues Selbstbewusstsein gab und neue Wege öffnete."

Normalerweise steht als Künstler die eigene Ausdrucksform im Vordergrund, doch in der Ergotherapie geht es darum, ausschließlich die Ausdrucksform des Patienten zu fördern. Deshalb bestreiten nur wenige Künstler diesen Weg. Heike Burghardt ist ihn gegangen. Und unter den Ergotherapeuten ist sie eine der wenigen, die aus der Kunst, aus der Bildhauerei und Malerei kommend, therapeutisch mit Patienten arbeitet.

Auch wenn Heike Burghardt in den letzten Jahren weniger Zeit für eigene Skulpturen hatte und sich verstärkt auf ihre Arbeit als Ergotherapeutin konzentrierte, hörte sie nie auf, selber Kunst zu machen. Die neuen Erfahrungen fließen sogar in ihre Werke ein. Jetzt bleibt nur noch ein Wunsch - eine Scheune in Schöneiche oder Umgebung zu finden, in der sie sich zu jeder Jahreszeit auch größeren Arbeiten widmen kann - ob allein oder mit ihren Patienten. Derzeit greift sie noch unter einem kleinen Unterstand auf ihrem Grundstück zu Hammer und Meißel.

(Kontakt: 0178/1983335)

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